Forschung

 

 

    Fachbereiche

 

 

            Archiv

 

 

        Philosophie

 

 

    Verwaltung

 

 

       Kontakt

Das Institut für Körper und Raum – Wahrnehmung und Denken hat es sich zur Aufgabe gemacht neue Räume zu erschließen, für Erfahrungen zu öffnen, und jene Differenzen aufzudecken, die im Alltag oft verdeckt sind. Hierfür entwickelte das Institut den Begriff Temporary- Contemporary (Kurzfristige Zeitgenossen*Innen).

 

Die Gründung des Institutes bezieht ihren Impuls aus Studien über das abweichende Verhalten, der Norm, der Non-Konformität. Den einschlägigen Fachausdruck hierfür bietet die Devianz.

Das Institut für Körper und Raum – Wahrnehmung und Denken versucht für das Gemeinwohl subjektive Beobachtungen zu sammeln und zu archivieren, und, schlussendlich, für Forschung und Entwicklung zu nutzen.

Diese Erfahrungen werden von kurzfristigen Zeitgenoss*Innen - Temporary Contemporaries (T.C.) - durch ihr kurzfristiges Herauslösen aus der Alltagskonformität aufgenommen und können somit für die weitere Forschung in das Archiv einfließen.

 

 

 

 

Eine kleine Geschichte über einen Töpfer,

der das Glück in der Einfachheit fand.

 

Am Beispiel eines Töpfers, der einzigartige und wunderschöne Gefäße an seiner Töpferscheibe herstellte, möchten wir eine Gesetzmäßigkeit aufzeigen.

 

Die Stadt in der er lebte war bunt. Sie war zugleich alt und modern. Fassadenelemente aus vergangenen Zeiten vermischten sich mit zeitgemäßer, kreativer Architektur. Beides beanspruchte weder den Platz des Anderen, noch die größere Aufmerksamkeit. Es war vielmehr ein Dialog, welcher sich zwischen beiden entfaltete. Es herrschte eine frische, lebendige Atmosphäre. Mit den Menschen war es nun ähnlich. Junge und alte Menschen teilten sich die Straßen. Schräge Vögel befanden sich genauso viele unter ihnen, wie durch Alter und Erfahrung weise gewordene Menschen.

 

Ein Händler aus einer entfernt liegenden, fremden Stadt besuchte eines Tages das kleine und dennoch feine Atelier des Töpfers. Der Händler strahlte Begeisterung für seine handgefertigten Gefäße aus. Jedes einzigartig in seiner Form und Farbe. Es schien, als spräche etwas Klares aus ihnen. Einfach zauberhaft. Der Händler schwärmte ihm vor, dass er eine Menge Menschen in des Händlers Stadt glücklich machen würde, wenn er nur ganz viele solcher Gefäße mitnehmen dürfte. Wie soll das gehen erwiderte der Töpfer, wenn doch nur eine bestimmte, kleine Anzahl dieser Gefäße herstellbar ist. Der Händler legte Ihm die Vervielfältigung der Gefäße nah. So stellte er dem Töpfer ein Meisterstück von Ingenieurskunst vor. Eine Vervielfältigungsmaschine, die einmal, sobald das Model erfasst wurde, viele viele Gefäße desselben Aussehens produzieren konnte. Der bescheidene Töpfer fand Gefallen an dem Gedanken ganz viele Menschen durch seine Gefäße glücklich machen zu können. So kam es, dass sie einen Vertrag miteinander schlossen, und der Töpfer dem Händler unzählige seiner limitierten Gefäße vervielfältigte. Der Töpfer bemerkte schnell, dass die Gefäße, die nun produziert wurden, nicht mehr den ursprünglichen Zauber in sich trugen. Ebenso kam ihm die Sprache der zuvor handgefertigten Gefäße abhanden. Übrig blieb nur noch ein unklares Gebrabbel. Auch dem Händler fiel dies auf. Da nun aber die Gefäße ihren Absatz gefunden hatten und damit fortan viel Geld zu verdienen war, tat er diesen Verlust als „Lauf der Dinge“ ab und motivierte sogleich den Töpfer mit einer Auftragsarbeit, die über die Stadtgrenzen des Händlers hinaus noch mehr Menschen mit Gefäßen glücklich machen sollte. Der Töpfer produzierte, produzierte und produzierte. Das immer weniger geschätzte Reflektieren transformierte sich mehr und mehr in ein banales Funktionieren. Eine Leere überkam den Töpfer. Eine Leere, wie man sie schon in den Massen von Gefäßen zuvor wiederfinden konnte. Eine Kopie stand neben der anderen in Reihe, mittlerweile waren es bereits so viele, dass der Anblick allein schon bedrohlich wirkte. Aber weniger das Anschauen, sondern vielmehr der Klang war es, der aus der nun mittlerweile nicht enden wollenden Lagerhalle an des Töpfers Ohr herantrat. Da dieser seit jeher das Musizieren seiner Gefäße selbst als eigentlichen Grund für deren Anfertigung geschätzt hatte, ließ ihn diese Erkenntnis erschauern und für einen Moment überkam ihn tiefe, fruchtlose Grauheit. Zeit spielte nun keine Rolle mehr. Er machte eine Reise durch sein Leben, kehrte zurück an die Stelle, ehe er sich dem produzieren und kopieren zuwandte. Die Zeit, als er und seine Gefäße noch mit vielfältiger Fülle durchflossen wurden. Sehnsucht überkam ihn, die Farbigkeit seiner Vorstellung durchflutete ihn und spülte die zuvor so tief empfundene Grauheit aus ihm heraus. Der Töpfer, mit seinem ganzen Sein, schloss das Tor der Halle und löste somit auch das Vertragsverhältnis zu dem Händler. Als er sich an seine Töpferscheibe setzte und wieder, wie früher, seine einzigartigen Gefäße herstellte, löste sich seine mittlerweile angesammelte Anspannung. In seinem Herzen war nun wieder das Strahlen der bezaubernden Klänge eingekehrt.

 

Eine Kopie ist eine Kopie. Sie hat keine Kraft in sich, sie ist inhaltslos. Diese einfache Darstellung, die hier auf Objekte (Gefäße) bezogen ist, lässt sich ebenso auf Subjekte (Menschen) übertragen.  Die Kinder in der Schule, die viel zu oft das machen sollen was sie nicht machen wollen. Die Arbeiter in der Fabrik, die an ihren nächsten Urlaub denken, der jedoch noch in weiter Ferne liegt. Die Büroleute im Büro usw...

 

Die Konditionierung der Menschen in den Schulen ist vergleichbar mit der Kopie. Ebenso wie die Gefäße verlieren sie durch die fortlaufende Konditionierung festgefahrener Verhaltensmuster in der zunehmenden Einförmigkeit die ihnen innenwohnende Einzigartigkeit.

 

Die Aufgabe der sogenannten temporary contemporaries verbirgt sich darin, diese Konditionierungen aufzubrechen und somit einen heilsamen Bruch einzuläuten.

 

                                                                                                                      (Verfasser: Sebastian Scherl, 2017)

 

 

 

 

Copyright © 2016 Institut für Körper und Raum - Wahrnehmung und Denken